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Getreidefreies Futter: Marketing-Hype oder echte Hilfe?

"Grain-free" ist überall. Aber braucht dein Hund das wirklich? Die unbequeme Wahrheit über getreidefreies Futter.

Getreidefreies Futter: Marketing-Hype oder echte Hilfe?

Getreidefreies Futter kostet mehr. Also muss es besser sein, oder?

Nicht unbedingt. Lass mich erklären – denn dieses Thema ist komplizierter, als die Werbung es darstellt. Und die Antwort könnte dich überraschen.

Als ich vor sechs Jahren anfing, mich mit Hundeernährung zu beschäftigen, war ich überzeugt: Getreide hat im Hundenapf nichts verloren. Wölfe fressen schließlich kein Brot. Heute sehe ich das differenzierter – und du wirst gleich verstehen, warum.

Können Hunde Getreide verdauen?

Die kurze Antwort: Ja.

Die lange Antwort: Hunde haben sich im Laufe der Domestikation angepasst. Sie besitzen bis zu 30 Kopien des AMY2B-Gens – das Enzym Amylase, das Stärke abbaut. Wölfe haben nur 2-4 Kopien. Dein Hund ist kein Wolf mehr, auch wenn er manchmal so tut.

Diese genetische Anpassung ist kein Zufall. Seit etwa 15.000 Jahren leben Hunde mit Menschen zusammen und haben sich an stärkehaltige Nahrung angepasst. Das bedeutet nicht, dass Getreide die Hauptnahrung sein sollte – aber dass es durchaus auf dem Speiseplan stehen kann.

Welche Getreidesorten gibt es – und was können sie?

Nicht jedes Getreide ist gleich. Hier ein Überblick:

  • Reis – Leicht verdaulich, magenfreundlich, perfekt als Schonkost. Enthält wenig Allergene und ist die erste Wahl bei empfindlichen Mägen
  • Hafer – Reich an Ballaststoffen und Beta-Glucan, gut für die Darmgesundheit. Enthält mehr Protein als andere Getreide
  • Hirse – Glutenfrei, reich an Mineralien (Eisen, Magnesium, Zink). Für viele Hunde sehr gut verträglich
  • Dinkel – Besser verträglich als Weizen, aber glutenhaltig. Gute Energiequelle für aktive Hunde
  • Weizen – Das problematischste Getreide. Hoher Glutengehalt, häufigster Allergieauslöser unter den Getreiden
  • Mais – Oft als Füllstoff verwendet, niedriger Nährwert für Hunde, schlecht verdaulich wenn nicht aufgeschlossen

Tipp: Wenn dein Hund Getreide verträgt, sind Reis, Hafer und Hirse die besten Optionen. Weizen und Mais würde ich generell meiden.

Wann getreidefreies Futter wirklich Sinn macht

Bei echter Getreideallergie

Die gibt es – aber seltener als die Futter-Industrie uns glauben machen will. Nur etwa 10-15% aller Futtermittelallergien richten sich überhaupt gegen Getreide.

Symptome einer Getreideallergie:

  • Chronischer Juckreiz, besonders an Pfoten, Ohren und Bauch
  • Wiederkehrende Ohrenentzündungen (mehr als 3x im Jahr)
  • Verdauungsprobleme (weicher Kot, Blähungen, Erbrechen)
  • Rote, entzündete Hautstellen
  • Übermäßiges Pfotenlecken

Wichtig: Eine echte Allergie muss durch eine Ausschlussdiät über mindestens 8 Wochen diagnostiziert werden. Nicht durch Vermutung, nicht durch Bluttests (die sind bei Futtermittelallergien unzuverlässig) und schon gar nicht durch Empfehlungen im Zoohandel!

Bei individueller Unverträglichkeit

Manche Hunde vertragen bestimmte Getreidesorten einfach nicht gut. Wenn dein Hund Weizen nicht verträgt, probiere Reis oder Hafer – nicht zwingend komplett getreidefrei.

Eine Unverträglichkeit zeigt sich typischerweise durch:

  • Weichen Kot oder Durchfall nach Fütterung
  • Blähungen und Bauchgeräusche
  • Allgemeine Unlust nach dem Fressen

Bei bestimmten Erkrankungen

Bei manchen Erkrankungen kann getreidefreies Futter sinnvoll sein:

  • Zöliakie-ähnliche Erkrankung – Selten, aber bei Irish Settern dokumentiert
  • Chronische Darmentzündungen (IBD) – Manche Hunde profitieren von getreidearmer Kost
  • Epilepsie – Einige Tierärzte empfehlen ketogene (kohlenhydratarme) Ernährung

Die überraschende Allergiker-Hitliste

Rate mal, was die häufigsten Allergene bei Hunden sind:

  1. Rindfleisch – Platz 1 mit großem Abstand!
  2. Milchprodukte – Viele Hunde sind laktoseintolerant
  3. Huhn – Steckt in fast jedem Fertigfutter
  4. Weizen – Erst Platz 4
  5. Ei – Oft als Bindemittel versteckt
  6. Soja – Häufiger Füllstoff
  7. Lamm – Ja, auch das "hypoallergene" Lamm

Die meisten Hundeallergien richten sich gegen Proteine, nicht gegen Getreide. Das ist der Grund, warum ein simpler Wechsel auf "getreidefrei" bei den meisten Allergikern gar nichts bringt – wenn Huhn oder Rind das Problem ist, ändert das Weglassen von Weizen nichts.

Die dunkle Seite: DCM-Warnung

Seit 2018 untersucht die US-Behörde FDA einen möglichen Zusammenhang zwischen getreidefreiem Futter und der Herzerkrankung DCM (Dilatative Kardiomyopathie). Bis 2023 gingen über 1.100 Meldungen ein.

Was ist DCM?

Die Dilatative Kardiomyopathie ist eine Herzerkrankung, bei der sich der Herzmuskel ausdehnt und die Pumpleistung nachlässt. Normalerweise sind vor allem große Rassen genetisch betroffen – Doggen, Dobermann, Irish Wolfhound. Aber die FDA fand DCM-Fälle bei Rassen, die normalerweise kein Risiko haben: Golden Retriever, Labrador, Bulldoggen.

Was hat das mit getreidefrei zu tun?

Das Problem scheinen nicht die fehlenden Körner zu sein, sondern was stattdessen drin ist: hohe Mengen an Erbsen, Linsen, Kartoffeln und Süßkartoffeln. Diese Zutaten ersetzen in getreidefreiem Futter die Kohlenhydrate.

Die Theorie: Diese Ersatzstoffe könnten die Aufnahme von Taurin blockieren – einer Aminosäure, die für die Herzfunktion essenziell ist. Taurin-Mangel ist eine bekannte Ursache für DCM.

Was sagt die aktuelle Forschung?

Stand 2026: Die FDA hat die Untersuchung nicht abgeschlossen, aber auch keine Entwarnung gegeben. Mehrere Studien zeigen einen statistischen Zusammenhang, aber keinen eindeutigen Beweis für Kausalität.

Meine Einschätzung: Solange die Forschung läuft, würde ich nicht ohne medizinischen Grund auf getreidefreies Futter wechseln. Besonders nicht, wenn Erbsen oder Linsen unter den ersten fünf Zutaten stehen.

Tipp: Wenn du getreidefreies Futter fütterst, achte darauf, dass Hülsenfrüchte (Erbsen, Linsen, Kichererbsen) NICHT unter den ersten drei Zutaten stehen. Und lass regelmäßig den Taurin-Spiegel beim Tierarzt checken.

Was wirklich wichtig ist beim Futter

Statt "getreidefrei" zu jagen, achte auf diese Qualitätsmerkmale:

  • Hoher Fleischanteil – Fleisch sollte an erster Stelle stehen, idealerweise mit mindestens 60-70% tierischen Zutaten
  • Offene Deklaration – Je genauer, desto besser. "Tierische Nebenerzeugnisse" sagt nichts. "30% Hühnerfleisch, 10% Hühnerleber, 5% Hühnerherzen" sagt alles
  • Keine Chemie – Künstliche Farb- und Konservierungsstoffe braucht niemand. BHA, BHT und Ethoxyquin sind Warnzeichen
  • Keine Zucker-Tricks – Zucker, Karamell oder Melasse haben im Hundefutter nichts verloren
  • Vernünftiger Kohlenhydrat-Anteil – Ob Getreide oder Kartoffel: Maximal 30-40% der Gesamtmenge

Ein einfacher Qualitätscheck

Dreh die Dose oder den Beutel um und lies die Zutatenliste. Die ersten fünf Zutaten machen den Großteil des Futters aus. Wenn dort "Getreide", "pflanzliche Nebenerzeugnisse" oder "Zucker" steht – stell es zurück ins Regal. Egal ob getreidefrei oder nicht.

Die BARF-Alternative

Bei der Rohfütterung stellt sich die Getreide-Frage gar nicht erst. Hier kommen Kohlenhydrate aus Gemüse und Obst – Karotten, Zucchini, Äpfel, Kürbis. Kein Getreide, aber auch keine Ersatz-Kohlenhydrate in Massen.

Das entspricht am ehesten der natürlichen Ernährung. Und du hast die volle Kontrolle über jede einzelne Zutat.

Wer barft und trotzdem Kohlenhydrate ergänzen möchte (zum Beispiel für sehr aktive Hunde), kann kleine Mengen gekochten Reis oder Haferflocken untermischen. Das ist völlig in Ordnung.

So findest du das richtige Futter für DEINEN Hund

  1. Beobachte – Glänzendes Fell, fester Kot, gute Energie? Dann ist das aktuelle Futter okay
  2. Teste – Bei Problemen: Eine Zutat nach der anderen ändern, nicht alles auf einmal
  3. Dokumentiere – Führe ein Futter-Tagebuch. So erkennst du Zusammenhänge
  4. Frag den Tierarzt – Nicht den Zoohandel-Verkäufer, nicht Instagram
  5. Ignoriere Marketing – "Getreidefrei", "Premium", "Nature" sind keine Qualitätssiegel

Häufig gestellte Fragen

Ist getreidefreies Futter generell schädlich?

Nein, nicht generell. Es ist aber auch nicht automatisch besser. Das Problem entsteht erst, wenn Getreide durch große Mengen Hülsenfrüchte ersetzt wird. Ein getreidefreies Futter mit hohem Fleischanteil und moderatem Gemüseanteil ist absolut in Ordnung.

Mein Hund frisst seit Jahren getreidefrei – muss ich wechseln?

Nicht in Panik geraten. Wenn dein Hund gesund ist, gute Blutwerte hat und keine Symptome zeigt, besteht kein akuter Handlungsbedarf. Lass beim nächsten Check-up den Taurin-Wert prüfen – dann bist du auf der sicheren Seite.

Dürfen Hunde Brot fressen?

Ein kleines Stück trockenes Brot als Leckerli ist unbedenklich. Aber Brot ist kein sinnvolles Futter – zu viel Salz, zu viel Weizen, zu wenig Nährstoffe. Und frischer Hefeteig ist sogar gefährlich (gärt im Magen).

Mein Fazit

"Getreidefrei" ist kein Qualitätsmerkmal. Es ist eine Marketing-Kategorie.

Frag nicht: "Ist Getreide drin?"

Frag: "Was ist drin? Und tut es meinem Hund gut?"

Beobachte deinen Hund. Glänzendes Fell, fester Kot, Energie? Dann ist das Futter richtig – egal ob mit oder ohne Getreide.

Und wenn du unsicher bist: Unser BARF-Planer hilft dir, eine ausgewogene Mahlzeit zusammenzustellen, bei der du genau weißt, was im Napf landet. Ganz ohne Marketing-Versprechen.

Hundementor

Geschrieben von

Hundementor Team

Unser Expertenteam aus Tierärzten, Ernährungsberatern und erfahrenen Hundehaltern teilt Wissen mit Herz und Verstand – für ein glückliches Hundeleben.

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